Neue Branchenanalyse: Landwirtschaftliche Saisonarbeit und häusliche Pflege

Die Servicestelle veröffentlicht die zweite Publikation der Reihe “ZWANGSARBEIT UND ARBEITSAUSBEUTUNG VERHINDERN: Branchenspezifische Analyse – Anzeichen erkennen & handeln”.

Diese Analyse konkreter Arbeitssituationen ermöglicht es den Leser*innen, ihren Blick für branchenspezifische Merkmale von Arbeitsausbeutung und Zwangsarbeit zu schärfen. Sie schafft damit ein stärkeres Bewusstsein für ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse. Ziel ist es, dass potenziell Betroffene leichter erkannt, entsprechende Präventions- und Schutzmaßnahmen getroffen und die Verfolgung von Täter*innen verbessert werden.

Die zweite Branchenanalyse der Servicestelle gegen Zwangsarbeit nimmt die landwirtschaftliche Saisonarbeit und die häusliche Pflege in den Blick. Dabei werden zwei Branchen untersucht, die nicht nur in Pandemie- und Krisenzeiten als systemrelevant gelten dürften. Saisonarbeiter*innen tragen wesentlich zur Lebensmittelversorgung bei und Pfleger*innen sorgen für uns im Alter. Die beiden Branchen eint, dass die Beschäftigung mit einer Isolation einhergeht. Erntehelfer*innen arbeiten in abgelegenen, ländlichen Gebieten und die häusliche Pflege findet im Privathaushalt der Klient*innen statt. Migrantische Arbeitskräfte, die vorrangig in diesen beiden Bereichen arbeiten, sind besonders vulnerabel für Arbeitsausbeutung und Zwangsarbeit. Aufgrund fehlender Sprach- und Ortskenntnisse sowie irregulärer Aufenthalts- oder Arbeitsberechtigungen fällt es ihnen schwer, Hilfe und Schutz zu suchen oder zu erhalten. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Mechanismen von Ausbeutung und Zwang in diesen Branchen zu beleuchten.

Anhand von Indikatoren, die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) entwickelt wurden, werden Fallbeispiele unterschiedlicher Beratungseinrichtungen auf Anzeichen für Arbeitsausbeutung, Zwangsarbeit und Menschenhandel untersucht. Ergebnisse der Studie zeigen, dass in den untersuchten Fallbeispielen in der saisonalen Landwirtschaft regelmäßig bereits bei der Anwerbung eine Täuschung über Wohn- und Lebensbedingungen stattfindet. In einem Fall wurden beispielsweise eine Hotelunterkunft sowie warme Mahlzeiten versprochen. Bei Arbeitsantritt in Deutschland wurden die Arbeiter*innen jedoch in Mehrbettzimmern in unhygienischem Zustand mit unzureichenden Sanitäranlagen untergebracht. Darüber hinaus erhielten sie lediglich kalte Mahlzeiten bei der Arbeit auf den Feldern.

In der häuslichen Pflege deuten extrem lange Arbeitszeiten auf Ausbeutung hin. Regelmäßig werden bei dieser Tätigkeit 24 Stunden Arbeits- und Bereitschaftszeit verlangt. Das bedeutet in der Regel, dass innerhalb dieser sehr langen Arbeitszeiten Pausen nicht gewährt und   andere als die vereinbarten Tätigkeiten verlangt werden. Vertraglich sind dabei regelmäßig weitaus weniger Stunden festgelegt und letztendlich auch entlohnt. Die niedrige Entlohnung insbesondere von real geleisteten Arbeitsstunden ist ein weiteres Anzeichen für Ausbeutung. Die daraus resultierende Lohnunterschreitung kann dabei bereits den Straftatbestand der Ausbeutung der Arbeitskraft erfüllen.

Mit der ersten Branchenanalyse hat die Servicestelle bereits für die  Anzeichen von Ausbeutung und Zwang in der Paketbranche sowie bei Schlachtbetrieben sensibilisiert. Im kompakten Format wurden die wichtigsten Erkenntnisse ebenfalls als praktische Flyer zur Paketbranche und zur Fleischbranche erstellt.

Sie können die aktuelle Publikation nachstehend herunterladen und die Printversion unter info@servicestelle-gegen-zwangsarbeit.de kostenlos bestellen.

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